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Website:     K o n t a k t  und   I M P R E S S U M

 

 

Teil I  und Teil  II

Arbeitsberichte über meine ehrenamtliche Hilfe ab Mitte 2006 bis 2016 für SED-Verfolgte sowie DDR-Heimkinder  und Heimkehrer nach 1945

Teil III folgt.............

 

 

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1977  unser  Fluchtjahr aus der ehemaligen DDR    -    2017  Erinnerungen

 

An den Verlauf  der Flucht, der Vorbereitungen, an  Situationen, warum es dazu kam, wie  ging es uns nach der Flucht in damaligen Westberlin, all das sind Erinnerungen die noch nach vier Jahrzehnte  gegenwärtig  sind.  Meine  Erinnerungen  spielen  sich   im Kopf als Film ab, ist es doch  ein  Indiz  dafür,  dass  dieser Zeitabschnitt in meinem Leben  als sehr beängstigend und dramatisch empfunden wurde.

 

Anfang 1976, nach unserer Heirat 1972, schrieben wir elf Ausreiseanträge,  formulierten darin unseren Willen nach Freiheit und einem eigenständigen Leben . Wir  merkten  schnell ,  dass Mitarbeiter der Staatssicherheit  in unserem privaten und beruflichen Umfeld präsent waren. Sie versuchten uns auszuhungern, indem  sie  die Arbeitgeber bedrängten, uns  kurzfristig zu entlassen. Man wollte erreichen, dass wir als sogenannte Asoziale  lebten, um  begründet uns in Arbeitserziehungshaft  schicken zu können. Die  Wegnahme  des  Kindergartenplatzes war der  nächste  Schritt  durch die Behörden. Für eine kurze Zeit nahm  meine Schwiegermutter das Kind (5 J.) dann ging es wohl nicht mehr. Wir  nahmen uns  einen  privaten  Kindergarten-

platz, der fast die Hälfte meines Gehaltes in Anspruch nahm. Durch  einen  Tipp eines  FDGB - Mannes konnten wir den Spieß umdrehen,  indem  mein  Mann  für  das  Kind offiziell  sorgte.  Dies wurde durch einen entsprechenden Stempel vom FDGB im Versicherungsausweis.  nach einigen Diskussionen, beglaubigt. Das war wohl einmalig.Unsere Sorge bestätigte sich schnell: ein Schreiben der Polizei kam prompt mit der Frage warum mein  Mann  nicht mehr arbeiten ging. Er zeigte den SV-Ausweis, indem er als "familienversichert" wegen der Kindesobhut galt. Es folgte ein langes Telefonat, wahrscheinlich mit der SV-Versicherung , danach konnte mein Mann ohne Repressalien nach Hause gehen. Wir wußten nun, es wird in unserem Freiheitsbe-streben eng. Jede freie Minute fuhren wir  ab sofort von  zu Hause weg, in  die Mecklenburger Wälder an einem  See, der schwer zugänglich war. Nur  ganz wenige Leute wußten von diesem See im tief liegenden Wald. Ein Weg dorthin gab es nicht, man mußte durch die Bäume fahren, dass jedesmal eine Herausforderung war. Familiär waren wir leidenschaftliche Angler und kannten durch meinem Schwiegervater seit Jahren diese Stelle, hier hatten wir auch  oftmals  gemeinsam den Urlaub  verbracht. Dort  war  kein  Mensch zu sehen, ausser das wir ab und zu die weit stationierten Russen hörten, die sich in den Wäldern herumtrieben und die illegal wilderten. Wir hatten Glück, gesehen hatten wir nie jemand, wußten aber das wir damit rechnen mussten auf  bewaffnete Russen zu stoßen. Wir verhielten uns im Wald und am See immer sehr leise, kochten mit dem Seewasser unser Essen, ernährten uns hauptsächlich vom Fisch, brachten natürlich auch viel Essen mit (Kartoffeln, Wurst, Brot und Getränke) und übernachteten im Auto oder im Zelt. Wir erlebten so die Natur immer hautnah, es war diesbe-züglich auch eine unvergessene erlebnisreiche Zeit. Die Wildschweine mit ihren jungen Frischlingen kamen bis an das Zelt heran und holten sich  Kartoffelschalen. Wir konnten die Frischlinge beim Spielen mit den Blättern beoabachten.  Einige  Hirschkühe beschnupperten uns bei Nacht im Zelt, und brüllten - es war Brunftzeit -dann übernachteten wir doch lieber im Auto, war es für uns alle zu gefährlich, angegriffen zu werden.  Nachts war es sehr dunkel und unheimlich im Wald, so dass wir nur bei Vollmond das Ufer des Sees erkannten. Eine Taschenlampe  konnten  wir bei Dunkelheit am Seeufer und im Wald wegen der Russen nicht anmachen. Wir sahen nichts aber hörten sie, meist waren  die Soldaten betrunken  und  unbe- rechenbar. Wir  konnten  nichts  riskieren. Tagsüber  war  es nicht so gruselig, da konnten wir sehen, falls jemand gekommen wäre. Auch hunderte Schlangen beobachteten wir beim Sonnenbaden auf die in Wasser liegenden Bäume. Sie besetzten regelmäßig unseren besten Angelplatz, wir mussten immer ausweichen. Der See selbst war glasklar, umgeben von Schilf und schloß sich an zwei weitere Seen an. Unter dem See befand sich nach Angaben der Dorfbewohner noch ein See, Taucher sollten nach deren Erzählen weit nach dem Krieg 55 den See untersucht haben, wobei zwei Taucher nie wieder hochkamen. Der See war sehr, sehr tief,  riesige Fische  konnten sich dort ungestört entwickeln. Am  Boden  des Sees war  eine  weiße  Kieselschicht,  kleine Fische funkelten bunt im Sonnenschein, als lägen Diamanten darin. Wir hatten auch  ein  selbstgebasteltes  Floß  und auf  den  Boden  des  Sees  fand  mein Mann  vor  Jahren  im Urlaub, ein cirka  zwei  Meter langes  Mittelstück eines  Flugzeuges aus dem Krieg, dass er hob. Weil  es   innen hohl war,  konnte  er  damit auf dem See zum Angeln fahren ( mit Angelschein). Sofern  wir  nach Hause fuhren, versteckte er das Teil im Schilfgürtel, damit wir es immer wieder fanden und benutzen konnten.

 

Nach der Wende, als wir wieder in die ehem. DDR fahren konnten, suchten wir natürlich diese Stelle am See mehrmals auf. So  um 1995 herum, war es für  uns  das  letzte  Mal, weil  sich im nahen Dorf ein großes Hotel platzierte und diese versteckten Naturseen waren den  Touristen ausgeliefert. Man konnte zwar nur per Fahrrad an  die Seen  fahren, aber erschreckend war  durch die vielen Besucher der Umgang mit der Natur. Man  brauchte nur den Müll von den  Touristen folgen, um an diesen damals  naturbelassenen Wald und See zu kommen.

 

 

 

Unsere Flucht im Juli 1977 mittels Versteck unserer Familie im Kofferraum das glückte, war nicht geplant.

 

Wir hatten niemals daran gedacht illegal als Familie  das Land zu verlassen. Ein befreundetes Ehepaar, auch mit  einem  Kind wollten  ebenfalls  in  den  Westen. Einzig allein schmiedeten wir 1975 mit denen einen Plan, wobei wir vor der Botschaft mit unseren Autos protestieren  wollten. Aber das wäre ein Haftgrund gewesen und wegen der Kinder keine gute Idee. Statt- dessen verfolgte jeder seine eigenen Pläne. Wir gingen, ohne uns umzudrehen in die "Bundes-deutsche Botschaft" in Ostberlin und verlangten ein Gespräch. Niemand hielt uns vor der Bot- schaft auf, vielleicht hatte man nicht genügend aufgepasst, war es doch verboten und auch ein Haftgrund. In der Botschaft stellten wir einen Antrag auf Familienzusammenführung zu meinem Stiefschwager. Aus heutigen Archivunterlagen ging hervor, dass die Botschaft tat- sächlich sich beim Stiefbruder meines Mannes bemühte, der aber ablehnte, er hätte keinen Kontakt. Das war natürlich fatal für uns und auch gelogen. Er wollte einfach keine familiäre Verantwortung tragen, vielleicht hatte er Angst, dass wir ihn auf die Tasche liegen würden. Wir haben es nie herausbekommen und haben auch heute seit Jahren keinen Kontakt mehr, dass ich sehr bedauere. In den Jahren, als wir uns bemühten, legal in den Westen zu kommen, hatten wir jährlich für 14 Tage lang Besuch aus den Westen von diesem Halbbruder. Er über- nachtete bei den Schwiegereltern, abends waren wir aber immer zusammen und tafelten auf, was wir hatten. Heute noch existiert ein Video, wo er mit seiner Familie uns besuchte und wir alle gemütlich beisammen waren. Das wir keinen Kontakt hatten, könnte man damit ihm persönlich widerlegen. Aber wofür, ich glaube es ist eine Charaktersache, jedenfalls hatte er bei seinem Besuch uns nie was gesagt, dass die Botschaft anfragte, ob er uns aufnehmen würde. Der Zufall war es, der die illegale Flucht dann später ermöglichte.

 

 

Ein früherer Bekannter meines Mannes besuchte uns und kam mit einen Plan. Die Flucht gelang am 10. Juli 1977 über den Übergang Staaken bei Falkensee an der  B 5. Auf Westberliner Seite stiegen wir erstmalig in der Heerstrasse aus.

 

Er war ein früherer Bekannter meines Mannes und hatte im gleichen Wohnort  noch mehrere gute Bekannte. Er befand sich auch wie mein Mann als junger Erwachsener in den 1960er Jahren wegen versuchter Republikflucht für lange Zeit in politischer Haft und wurde bereits in den 1960er Jahre freigekauft. Da im unseren Umfeld bekannt war, dass wir zahlreiche Aus- reiseanträge schrieben, hatte sich das wohl bis Westberlin herumgesprochen. Er sprach uns daraufhin an, und fragte nach dem Stand von Plänen. Die hatten wir aber nicht, da wir nur legal ausreisen wollten. Er sagte uns, dass wir in vier Wochen in Westberlin sein könnten. Das kam so klar und einfach über die Lippen, und so überzeugend, so dass ich mich heute noch  an jedes gesprochene Wort gut erinnern kann. Wir hörten uns seinen PLan an und sagten "ok", das machen wir so. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits zwei Fluchthelfer organisiert. Es waren zwei cirka 45 Jahre alte Arbeitslose bzw. Zeitarbeiter, von Schulden überhäuften Hand- werker aus Westberlin. Das hierzu bereits feste Pläne von Seiten des Bekannten bestanden, war uns nicht aufgefallen. Es war allerdings nicht zu unseren Gunsten organisiert worden, sondern, wie wir Jahre später aus den Bstu-Archivunterlagen erfuhren, wollte der Bekannte mit dieser Fluchttour seinen besten Freund mit seiner Freundin (Baletttänzerin aus Ostberlin) rüberschleusen lassen. Die waren aber zu feige und hatten große Angst, dass man durchaus verstehen kann. Wir waren quasi das "Probefluchtpaket", obwohl eine Testflucht totaler Blöd- sinn wäre, weil es für jede versuchte Flucht keine Garantie gab. Das ist doch egal, ob vorher Leute es schafften oder nicht. Das konnte bei denen doch ganz anders ausgehen. Anfang Juni 1977 kündigte ich meine Arbeitsstelle, wegen der Flucht. Es war in der ehem. DDR üblich, wenn jemand krankgeschrieben war, dass unangemeldet irgendjemand von der Arbeit nach Hause kam, um es zu kontrollieren. Das wollte ich aus dem Weg gehen, da wir in unserer Wohnung entsprechende Sachen weggaben. Im kleinen Familienkreis dachte man, wir haben die legale Ausreisegenehmigung bekommen, den Eltern sagten wir garnichts. Nur einer wußte Bescheid, der dann auch unser Auto und alles an Bargeld geschenkt bekam. Eine Krank- schreibung kam aus diesen Gründen nicht in Frage. Unseren Fluchtweg und Übergang suchten wir selbst aus und fuhren suchend den Weg Richtung Falkensee ab, um eine Stelle für das "Einsteigen" an der Bundesstrasse 5  zu finden. Das war die erste gefährliche Hürde, die zu nehmen war. Wir fanden einen kleinen vergessenen Friedhof an der B 5 und daneben war ringsrum ein großes  Kornfeld, dass Anfang Juli kurz vor dem Abernten stand. Diese Stelle war für das Einsteigen in den Kofferraum ideal, weil es sich in einer langezogenen Kurve befand und die Fluchthelfer nachfolgende Autos im Blick haben konnten und die bewachsene Wegauffahrt mindestens 20 m breit war, sowie das hohe Kornfeld uns und das dann parkende Fluchtauto beim Einsteigen schützte. Wir wußten vom Verbot der Westberliner von der B5 abzufahren, deshalb war diese Stelle wirklich ideal. Wir trafen uns vorweg mit den Flucht-helfern und zeigten denen unsere ausgesuchte Stelle zum Einsteigen. Eine gute  Woche später wurde es ernst. Aus Sicherheitsgründen fuhren wir wieder bis zum Fluchttag von zu Hause weg und vom Versteck aus direkt mit unserem Auto und den dann wissenden Mitstreiter an die verabredete Stelle. Dort verabschiedeten wir uns vom Mitwisser und waren nun Fuß- gänger an der B 5. Es mußte alles schnell gehen, das Kind schlief und bekam davon nichts mit. Pünktlich gegen 23.00 Uhr saßen wir wie die Hasen im Kornfeld, das Kind eingepackt und schlafend in einer dicken Decke. Wir hatten nur das mit, was wir auf den Körper trugen. Natürlich unsere SV-Arbeits- und Personalausweise. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wieso ich in einem Frisiernetz  meine Lockenwickler einpackte und mitnahm, die ich auf dem Rücksitz des Fluchtautos unbewußt offen hinlegte. Ich dachte später immer wieder darüber nach und vielleicht wurde aus diesem Grund das Auto nicht kontrolliert, weil die DDR-Stasizöllner dachten, die beiden Männer -auch einer zufällig blond gelockt- sind vom anderen Ufer und waren deshalb nicht für ein Fluchtvorhaben auffällig genug. Im Kornfeld warteten wir nun schon über eine Stunde, die beiden Fluchthelfer kamen einfach nicht. Wir befanden uns cirka 500 Meter vor dem Übergang Staaken und wir konnten die Scheinwerfer sehen, die das Feld ständig ableuchteten. Das Kornfeld hatte am Rande des Feldes tiefe Furchen, dass wir als Versteck liegend nutzten. Wir unterhielten uns sehr leise, was zu tuen wäre, wenn die Fluchthelfer nicht kommen würden, wir kannten sie doch nicht. Dann hätten wir ein richtiges Problem. Schließlich fuhr die Stasi in ihren zivilen Autos ständig die Bundesstrasse auf und ab, war die B 5 doch als Fluchtvorhaben bekannt. Wir hätten uns entlang der Bundesstrasse nicht aufhalten können, um eventuell wieder nach Hause zu gelangen. Es wäre ein sehr weiter Fußmarsch nach Hause geworden und das Nachts mit einem Kind im Arm und den Gedanken von der Polizei aufgegriffen zu werden. Heute denke ich, dass wir im Kornfeld bis zum An- bruch des Tages abgewartet hätten, um wieder nach Hause zu kommen. Bei diesem Gedankenspiel kam über eine Stunde später ein Autolicht um die Ecke. Wir sind nicht gleich aus dem Versteck gehüpft, sondern warteten ab, bis die das Licht ausmachten und ausstiegen. Die dachten wir sind nicht da und wir dachten, die sind das eventuell nicht. Man erkannte sich schließlich, ab jetzt gab es kein zurück mehr. Gedanklich waren wir voll auf das Geschehende konzentriert, es gab keine Zweifel und Angst, es war Leere in uns. Die beiden Fluchthelfer waren natürlich auch sehr angespannt, wir wechselten vor der Flucht kein Wort miteinander, hatten wir dafür keine Zeit. Einer von den Männern versuchte den Kofferraum aufzuschließen, und schaffte es nicht, seine Hände zitterten vor Aufregung. Das übernahm dann mein Mann. Ab sofort gab es nur eines: "entweder/oder". Mein Mann wußte bei 53 politische Haftmonate aus den 1960er  wie das ist, in DDR- Haft zu sein. Er sprach nie darüber, er wußte im Gegensatz zu mir, was auf uns zukommen könnte und natürlich auch auf die Fluchthelfer, die das zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnten, dass kam allerdings später bei weiteren Touren, weil sie einfach finanziell nicht genug bekamen, dazu später im Text. Der Kofferraum war nun endlich geöffnet. Mein Mann sprang als erster in den Kofferraum, dann nahm er das Kind im Arm und dann kletterte ich in den Kofferraum und übernahm das Kind. Mein Mann wollte uns beide beschützen und legte den Arm um uns beide. Das Kind war bereits aufgewacht, sagte aber nichts. Ich nahm den Arm zurück und sagte leise, dass mache ich jetzt selbst. Ich wollte mich voll auf das Kind konzentrieren, brauchte deshalb absolut keine Ablenkung. So ging das auch ganz gut. Mein Sohn schaute mich nur an und ich zeigte ihm den Finger auf dem Mund, dass er nichts sagen darf. Ich sagte ihm das wir nun in den Westen fahren, obwohl wir das so nicht dürfen und er nicht muksen oder husten darf. Er hatte mit seinen fünf Jahren wohl verstanden, zumindest wußte er durch den Westshop, dass es im Westen seine geliebten Autos gab. Alles andere konnte er ja nicht verstehen. Die Fluchthelfer waren froh, dass wir so ruhig waren, hatten sie doch selbst mit sich zu kämpfen, denn das Schlimmste an aufregenden Momenten stand uns ja noch bevor. Sie hatten die Gummis von den Rücklichtern des Ford Konsuls entfernt, weil sie meinten, wir würden dadurch besser Luft im Kofferraum bekommen. Aber das war nicht so gut, weil wir das Kohlenmonoxid vom Auto einatmen mußten. Wir hielten uns die Decke vor dem Mund, das ging für die kurze Zeit des Fluchtweges, ohne husten zu müssen. Das gesamte gefährliche Prozedere des Einsteigens hatten wir nun hinter uns. Aber sie fuhren vor Aufregung so kurz durch die Kurve auf die B 5, die Räder hebten sich zur einer Seite, ich dachte, da war es jetzt, aber es ging nochmal gut. Auch nachfolgende Autos waren nicht zu sehen. Wie wir später von den Fluchthelfern erfuhren, kamen sie deshalb über eine Stunde zu spät, weil sie immer auf der Bundesstrasse darauf achten mußten, dass sie, wenn sie in die Kurve einfahren, keine Autos hinter sich stauten. Sie fuhren dann so langsam, bis die Autos sie überholt hatten. Das war sehr gut durchdacht, denn das Einsteigen in ein Westauto war schon ein Haftgrund für alle Beteiligten. Das Anhalten wäre nur eine Ordnungswidrigkeit, deshalb warteten wir bei deren Eintreffen auch solange bis wir die Fluchthelfer erkannten. Ich war auch sehr froh, dass der Fluchtweg und die gesamte Flucht durch die DDR- insgesamt, ohne Einsteigezeit, cirka 15-20  Minuten  andauerte. Im Kornfeld liegend war unter mir ein Anmeisenhaufen, wobei ich damit ein paar Ameisen mit in den Westen einschmuggelte. Doch so witzig war der Juckreiz im Kofferraum nicht. Erinnern kann ich mich weiter an die Ankunft vor dem Übergang Staaken. Der Flucht-helfer sagte, nun sind wir gleich dran, er meinte vor uns waren noch einige Autos ab- zufertigen. Jetzt absolute Ruhe bitte - dann hörten wir den DDR-Zöllner sagen, ."..fahren sie bitte auf Rampe 10....". Die Fahrt ging langsam weiter, immer im Zick-Zack. Dann kamen wir erstmal wieder zu einem anderen, der winkte wohl weiter, er sagte nichts, dann kam die Rampe 10. Das Auto stand still, alles war für ein paar Minuten ruhig, nun wußten wir nicht was die machen, da wir das ja noch nie im Original gesehen hatten. Man könnte annehmen, auf Rampe 10 würden die Kofferräume überprüft, hier war unsere Sorge, uns blieb kurz der Atem stehen. Das war wohl der schlimmste Augenblick. Die Fluchthelfer kannten das Überprüfen schon, sie fuhren morgens von Westberlin nach Bad Homburg und reisten abends wieder von Bad-Homburg/ Westdeutschland über die DDR B 5 ein nach Westberlin und nahmen uns somit auf den nächtlichen Rückweg mit. Endlich hörten wir sagen, fahren sie weiter....Dann hielten die wieder an, jetzt zum 4. Mal wurden die Fluchthelfer  kontrolliert, dass aber nicht so lange dauerte und dann fuhren wir los. Es war bereits der Westzoll. Einige Meter weiter trommelten die Fluchthelfer in den Innenraum, um uns zu signalisieren, wir sind in Westberlin, wir haben die Flucht überstanden. Sie hielten in der Heerstrasse an und ließen uns aus den Kofferraum und jubelten mit uns. Unser Sohn sagte, jetzt sind wir endlich im Westen? Anschließend fuhren sie uns zu den Bekannten, der eine Gaststätte in Neukölln hatte und wir feierten, nachdem der Kleine schlafen gelegt wurde. Eine Woche lang blieben wir bei den Bekannten und dann meldeten wir uns im Notaufnahmelager Marienfelde und verbrachten dort sechs Monate, um unsere bürokratischen Angelegenheiten zu regeln und um in ein anderes Leben zu starten.

 

 

Angekommen im Notaufnahmelager und wie es uns nach der Obhut in Westberlin erging, - die Stasi in Westberlin - Versuche aus Westberlin uns zu entführen - das Auffliegen der Fluchthelfer -

 

Im Notaufnahmelager Berlin- Marienfelde kamen bis 1990 rund 1,35 Millionen Menschen an, die ein neues Leben in Freiheit suchten. Auch wir gehörten nun dazu, glückte doch unsere Flucht, das natürlich auch Fluchtgeld kostete. Wir bekamen eine sichere kleine Wohnung im Lager zugewiesen. Darüber waren wir sehr dankbar. Auch über diverse Zuwendungen, dreimal täglich kostenfreies Essen, für mich und meinem Mann jeweils 60 DM Taschengeld im Monat, diverse Freikarten für Bahn und Bus oder für Kulturrelles wie Kino-oder Zoobesuche. Die Caritas kam manchmal auch vorbei und schenkte uns Spielsachen für das Kind oder einmal auch Geld, so das wir uns einen kleinen Fernseher kaufen konnten sowie Gutscheine für neue Anziehsachen. Nach dem Notaufnahmeverfahren im Dezember 1977 suchten wir uns eine eigene Wohnung und Arbeit. Wir sind ja nicht in den Westen gekommen, um den Staat auf die Taschen zu liegen, sondern wollten ja schon in der DDR eigenständig leben und handeln können, dass uns ständig verwehrt wurde. Nun war es soweit. Die erste Arbeitsstelle war in der Berliner Metro, dort verdiente ich gutes Geld. Mein Mann war wegen psychischen Folgeschäden bereits krankgeschrieben. Das Kind kam in die Schule. Alles normalisierte sich. Wir mußten lernen, mit dem was wir haben zurechtzukommen. Ob wir in Westberlin bleiben wollten, wußten wir noch nicht. Das wir irgendwann nach Westdeutschland ziehen wollten, war auch klar, nur der Zeitpunkt nicht. Ich eröffnete zwei Gaststätten innerhalb von drei Jahren in Westberlin. Es war soweit alles gut, nur dünnte sich der Bekanntenkreis im Osten im alten Wohnort und vermehrte sich durch Flucht in den Westen, durch unsere Fluchthelfer. Hinter den Kulissen im Osten erging gegen uns beiden ein Haftbefehl  und wir wurden dadurch im Westen gesucht, sogar von den Russen, die ständig in Marienfelde mit ihren Jeeps vorbeifuhren. In den späteren Bstu-Unterlagen fanden wir auch Haftbefehle auf russisch. Wir dachten, wieso sind wir für die Stasi so wichtig ? Wir freuten uns sehr über die Bekannten, brachten sie doch alle ein Stück Heimat mit, dass auch fehlte, aber nicht soo wichtig war.  Erst durch die Festnahme der Fluchthelfer und deren Aussagen, wurden unsere Haftbefehle von mehreren DDR-strafrelevanten Punkten auf zwei reduziert.  Die Stasi hatte angenommen, dass wir diejenigen sind, die verantwortlich für die Weitergabe von Fluchtadressen waren. Wir waren für die Stasi der Kopf der sogen. Menschenhändlerbande, die alles organisierten, weil wir die ersten Geflüchteten waren. Das war für die Stasi ein Grund, zweimal zu versuchen, uns in die DDR wieder zurückzubringen, dass aber nicht klappte, weil wir es  bemerkten. Beim ersten Mal lauerten uns zwei Männer mit langen Ledermäntel auf, sie kamen an uns nicht ran, weil wir von dortigen Stammgästen umgeben waren, sie kamen auch nicht wieder. Und beim zweiten Mal versuchte einer von der Stasi mich zum Essen einzuladen, und er sprach davon, dass er ein Freund meines Mannes war, um mich von meiner Arbeitsstelle zu locken. Da ich aber alle Bekannten kannte und er typisch ostzonal wirkte, war mir klar, worauf ich mich einlassen sollte, dass natürlich nicht klappte. Nachdem wir den Fluchthelfern ihr Fluchtgeld bezahlt hatten (15.000 DM) und diese verhaftet wurden und herauskam, dass wir mit deren weiteren Fluchtversuchen und den anderen Leuten nichts zu hatten, überlegten wir, wann der richtige Zeitpunkt wäre uns nach Westdeutschland abzusetzen, um aus diesen Dunstkreis in Westberlin herauszukommen. Wir erfuhren auch, dass  die Fluchthelfer und deren Frauen, die sie in DDR-Haft besuchen durften, sich von der Stasi haben anwerben lassen. Für uns war auch deshalb ein weiterer Kontakt mit allen Beteiligten nach unserer Überzeugung nicht mehr möglich. Wir distanzierten uns, indem wir nach Bamberg zogen. Einige wenige Freunde, die unter den Bekannten waren, halfen uns beim Umzug und besuchten uns auch mal. Allgemein ebbte aber der Kontakt ab. Es verblieb uns  nur ein Freund, wobei sich kurz nach der Wende herausstellte, dass auch er ein Spitzel der Stasi war. Um sich nicht weiter vor uns rechtfertigen zu müssen, zog er es vor sich in seinem Schrank in Westberlin aufzuhängen. Wir waren schockiert über diese Neuigkeiten nach der Wende 1990.

 

In Westdeutschland hatten wir nun unsere Ruhe vor der Stasi. Uns ging es jetzt nur darum, den Traum von einem Leben in Freiheit und Eigenständigkeit zu leben. Das gelang uns auch und wir hatten uns geschworen, dass die Lebensumstände ab Bamberg nichts darüber aussagen  sollten, dass wir aus dem Osten kamen. Es war beruflich auf jeden Fall hilfreich. Die westdeutschen Bürger waren nicht gerade scharf darauf, Ostdeutsche kennenzulernen. Mein Bekanntenkreis beschränkte sich auch daher auf die Kollegen, dass aber nie privat ausge- dehnt wurde. Mein Mann arbeitete zu diesem Zeitpunkt bei den stationierten Amerikanern in Bamberg, da waren eventuelle Freundschaften sowieso kein Thema. 1985 hatte wir soviel durch Arbeit angespart, dass wir den Traum eines Eigenheimes, allerdings in NRW, durch eine vernünftige Finanzierung realisieren konnten. Damit war der Grundstein gelegt, so wie wir uns das im Leben vorstellten und so blieb es bis heute. Natürlich gab es auch Höhen und Tiefen, dennoch haben wir durch Alternativen immer einen Ausgleich finden können. Ohne zwei Einkommen war es nicht möglich das Eigenheim behalten zu können. Ich bin dafür sogar für viele Monate in die Bayrischen Alpen in einem Sporthotel arbeiten gegangen. Die beiden Männer zu Hause kamen gut klar, der eine ging zur Schule und der andere mußte sich eben um alles andere kümmern. Natürlich freuten die sich riesig, als ich wieder in Bamberg Arbeit fand, so einfach war das auch nicht. Nach dem Umzug in NRW machte ich mich für viele Jahre selbstständig.

 

 

Erinnerungen nach der Wiedervereinigung 1990

 

Nun kam die Wende 1990 und wir freuten uns riesig über den Fall der Mauer, hatten wir doch unsere gesamte Verwandschaft im Osten, außer einen Halbbruder. Wir fuhren sofort mit dem Auto 500 km weiter nach Berlin, wollten eigentlich meine Mutter in Pankow besuchen. Die anderen wohnten alle im sogenannten Speckgürtel, da kamen wir Anfangs noch nicht durch. Als wir am Tag des Mauerfalls durch Ost-Berlin fuhren, waren fast alle Lichter aus, Ost-Berlin war an diesem Tag total leer. Dafür sahen wir sie im Westberlin, zu Fuß oder mit ihren Trabbis, die furchtbar durch ihren Ostsprit stanken. Wir kauften auch Blumen und verteilten diese, gesellten uns zu den anderen, indem wir viele fremde Ostdeutsche im Westen begrüßten. Man sah die Freude in den Gesichtern bei Ost und West, das sich später wahrscheinlich  durch den Alltag wieder normalisierte.         - E N D E -

Nach der Flucht August 1977 im Aufnahmelager Berlin- Marienfelde


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privates Ehrenamt SED-Opfer-Hilfe

Brunihild Grabow -  

 

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Tel. 01573-76 98 680 -rufe zurück- keine SMS vorhanden-
E-Mail:   bruni@sed-opfer-hilfe.de    oder    E-Mail:   bruni-g@osnanet.de

 

 

Meine ehrenamtliche Arbeit für SED-Verfolgte begann ab Mitte 2007, da die Hilfen zu den Gesetzen, damals intensiver  im Land Brandenburg, notwendig waren. Im Arbeitsbericht       Teil I und II kann die private ehrenamtliche Arbeit nachvollzogen werden.

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2. Meinungsbild zum Editorial v.Bruni Grabow
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3. Antwortschreiben vom Vors. UOKG Dombrowski
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Berlin Finkensteinallee -

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DDR-Haft: Studie aus  80er Jahren

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Thema: Übersiedlung von ca. 500 000 Menschen aus der ehem. DDR und Ostblockstaaten - Wer soll das bezahlen   (z.B. Renten)

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2000   - Die LINKE versucht es immer wieder - Amnestie für SED-Genossen und Täter

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